Teil 2

Mozart – die Liebe und noch viel mehr

Dieser Text führt die Seite “Così fan tutte – 1“ weiter.

Mozart – die Liebe und noch viel mehr

Così fan tutte handelt von der Liebe. Und Liebe ist nie banal. Schon gar nicht, wenn sich Mozart mit ihr befasst. Mozart macht es seinem Publikum nie leicht, und hier ist es zusätzlich die Form – die er wählen musste –, welche den Zugang erschwert. Es stört Mozart nicht, mit dem existenziellen Thema spielerisch umzugehen. Dies hat aber zur Folge, dass an der Oberfläche so viel Schönheit und Witz strahlen, dass die darunter liegenden Probleme und ihre Essenz leicht übersehen werden können.

Es geht um die Macht der Liebe, um die Entscheidung aus Liebe. Kann eine solche schlecht sein?
Es sind echte Gefühle, die Dorabella und Fiordiligi bewegen. Und sie zuzulassen erfordert Mut. Dies, auch wenn es nur unbewusst beim Publikum wahrgenommen wird, kann es nicht unbeteiligt lassen. Così fan tutte bewirkt etwas, und das ist wohl immer die Intention eines jeden Komponisten: Nicht einfach eine musikalische Form zu einem Text zu finden, etwas zu vertonen, sondern etwas auszusagen, etwas mitzuteilen, das damit automatisch beim Empfänger etwas auslöst. Ablehnung aus Angst und vielleicht sogar auch aus Eifersucht sind hier wahrscheinliche, aber in diesem Sinne auch berechtigte, vielleicht sogar gewollte Reaktionen.

Mit der Macht der Liebe verbunden ist aber auch jene des Schicksals. Der Handlungsverlauf könnte sich in die verschiedensten Richtungen entwickeln, zeigt also die Abhängigkeit der Menschen vom Moment.

Das zugrundelegende Motiv der Treue, genauer ihre Prüfung, war im 18. Jahrhundert eines der beliebtesten Motive für Theaterstücke und Opern überhaupt. Mozart fügt mit Così fan tutte nicht einfach eine weitere Abhandlung hinzu, sondern eine psychologische Bearbeitung, worin die Prüfung nur ein auslösendes Moment ist, die unterschiedlichen realen Reaktionen aber eigentlicher Untersuchungsgegenstand.

Man muss auch berücksichtigen, dass Mozart und Da Ponte die beiden Schwestern mittels der Liebeskonfrontation eine Entwicklung durchmachen lässt. Sie sind eindeutige Vertreter der Oberschicht, auch dieser Umstand erklärt ihr übersteigertes, fast pathetisches Verhalten zu Beginn der Oper. Sie leben in einer Männerwelt, einer Welt, die restringiert ist durch – von Männern errichteten – Regeln, Konventionen und Normen. Im Verlauf der Oper legen sie den ursprünglichen Charakter ihres Verhaltens mehr und mehr ab und verlassen die sie bindenden Gesetze, um gegen das Ende hin nur noch ihre Herzen sprechen zu lassen. Das auf den ersten Blick negative erscheinende Verhalten entpuppt sich bei näherem Hinsehen als eine positive Entwicklung.

„Mozart will nicht … den Menschen mit der blossen Offenlegung seiner Schwächen demontieren, er ist vielmehr in erster Linie den das Gemüt bewegenden Geheimnissen der menschlichen Seele auf der Spur.“ (Gerhartz, Leo Karl: Die Seele ist ein weites Land. Zur intimen Spannweite und ästhetischen
Radikalität von Mozarts ‚Così’, in Csampai, Attila und Holland, Dietmar (Hrsg.): Wolfgang Amadeus Mozart. Così fan tutte. Texte, Materialien, Kommentare, Seite 12).

Dorabella – ein vielschichtiger Charakter

Gardiner vertritt die Ansicht, die beiden Schwestern seien durch das gleiche Stimmfach (Sopran) zu besetzten und begründet dies mit dem interessanten Hinweis, die Frauen verhielten sich am Anfang charakterlich wie eine einzige Person, würden sich erst im Verlauf der Oper unterschiedlich entwickeln. Dies ist ein interpretatorischer Weg, der nicht nur berechtigt ist, sondern auch besonderen inhaltlichen Reiz aufweist.

Andererseits bietet das Werk auch genügend Gründe für die Besetzung mit Sopran und Mezzosopran.
Dorabella und Fiordiligi erleben strenggenommen das Gleiche, in ihrem Erleben finden sich aber stets feine Unterschiede, sowohl auf den Charakter als auch auf die Aktionen, Reaktionen bezogen.

Für mich ist das wichtigste Kriterium bei der Besetzung der Rollen der beiden Schwestern, dass die beiden Stimmen charakterlich zueinander passen und musikalisch harmonieren. Ein Mezzosopran, der naturgemäss oft über mehr Farben als ein Sopran besitzt, kann in diesem Fall die sinnliche Seite der Dorabella leichter transportieren.

„Dass im Andanteduett trotz aller sanfter Gestimmtheit Dorabellas Kantilene von heftiger Geigenbewegung begleitet wird (Zweiunddreissigstelstakkati, wie sie zu Fiordiligis Seelenvollem Gesang hier nicht ein einziges Mal vorkommen), ja dass Dorabella sogar die erste eindringliche Mollwendung vorträgt: alles das deutet gewisse Differenzierungen, Charakterunterschiede zwischen den Mädchen an, die man nicht als »Zufälle« wegwischen darf, weil sie Methode haben und von Mozart sind ...“ (Joachim Kaiser, Seite 81).

Hätte Mozart eine Sichtweise, die alle Frauen gleichmacht und sie also nur mit einer Stimme sprechen lässt, akzentuieren wollen, wieso wählte er dann zwei unterschiedliche Stimmlagen für die männlichen Gegenspieler? Wenn es um einen eindimensionalen Konflikt Mann – Frau gegangen wäre, hätte er die Partien des Guglielmo und Ferrando auch ohne Probleme für Tenor oder Bariton allein einrichten können. Es spricht aber dagegen, dass der Menschenkenner Mozart „Così fan tutte/tutti“ gleichbedeutend erachtet hätte wie „Così son tutte/tutti“. Die männlichen Partner sind zudem eindeutig zu unterschiedlich charakterisiert, nur erleben werden sie das Gleiche.

Bei den weiblichen Rollen steht Fiordiligi klar im Vordergrund. Auch Despina dominiert gegenüber Dorabella. Dennoch muss man von einem Dreigespann ausgehen: Despina -> Dorabella -> Fiordiligi, in welchem Dorabella das Verbindungsglied zwischen Despina und Fiordiligi darstellt.

Damit wird auch auf die grosse Schwierigkeit, welche mit der Rolle der Dorabella verbunden ist, hingewiesen. Sie steht in einer Art von Zentrum. Mozart gewährt ihr aber nicht viel Raum. Wichtig ist deshalb, bei der Charakterisierung der Dorabella grosse Vorsicht walten zu lassen. Sie muss sich sowohl von Despina als auch von Fiordiligi abgrenzen, darf aber dabei nicht in Extreme verfallen. Betrachtet man die drei Frauen zusammen, so ist ihr Wesen der Mittelpunkt, während Despina auf der einen Seite als abgeklärte, praktisch oder rational (im Sinne von auf den Eigennutzen ausgericht) denkende Ausprägung steht (ein politischer Aspekt ist, dass es die Zofe Despina, die Vertreterin aus dem „einfachen“ Volk, ist, die den höhergestellten Schwestern Fiordiligi und Dorabella die Augen öffnet), auf der anderen Seite Fiordiligi als idealisierte, heroische Variante.

Unter diesem Gesichtspunkt ist Dorabella nicht – wie oft postuliert - einfach die leichtfertigere der beiden Schwestern, was zudem oft mit einer impliziten Abwertung dieser Figur einhergeht. Naiv oder leichtfertig sind keine der beiden. Allein der Ablauf der Oper bedingt, dass Dorabella als erste der beiden dem Werben des verkleideten Guglielmo erliegt. Fiordiligi liebt von gleichem Zeitpunkt wie Dorabella an, wehrt sich aber – physisch – nur länger. Mit anderen Worten vollzieht sich bei Dorabella dieser Schritt schneller. Sie ist schneller bereit, auf ihre eigene Gefühle zu hören. Gefühle zuzulassen bedeutet aber auch, ehrlich gegenüber sich selbst zu sein. Somit ist es nichts Leichtfertiges sondern eine grössere Natürlichkeit, welche den Charakter von Dorabella kennzeichnet.

Die Dorabella verbindet deshalb auch eine gewisse Wesensverwandtschaft mit der Zerlina aus Don Giovanni. Es wäre auf den ersten Blick naheliegender, eine Parallele von Despina und Zerlina zu erwarten, die Despina hat aber in Leporello ihr Gegenstück.

Für viele Sängerinnen mag die Dorabella eine undankbare Partie sein. Insofern ist dies auch begründet, als ihr, deutlich im Schatten von Fiordiligi, vom Publikum automatisch weniger Beachtung geschenkt wird. Der Reiz einer Partie ist für mich aber nicht die Summe der Takte, die eine solche an Musik zu gestalten hat, sondern Inhalt und Tiefe dieser Momente. Die Dorabella ist zudem ein gutes Beispiel für eine Rolle, die unheimlich bereichernd schon allein aus dem Grund ist, dass man mit ihr in einem bestimmten Werk, hier in Mozarts Così fan tutte, eingebunden ist.

Symmetrie – ein dichter Mikrokosmos

Bei Così fan tuttte beeindruckt die enorme Symmetrie der Figuren und deren Beziehungen zueinander. Es gäbe unendlich viele Möglichkeiten, diese zu gewichten oder zu charakterisieren. Damit zeigt sich schon eine wesentliche Eigenschaft des Stückes: es lässt die verschiedensten Interpretationen zu, zielt mehr auf die Natur des Menschen, und lässt den Schluss in einem gewissen Sinne konsequent, aber in einem gewissen Sinne auch auf eigenartige Weise offen. Die Symmetrie bezieht sich aber nicht nur auf die Personen und ihre Handlungen, sondern auch auf die Musik. (Zur Symmetrie hinsichtlich der musikalischen Nummern vergleiche man Paolo Mezzacapo und Liam Mac Gabhann, »… vi voliamo davanti ed ai lati e dal retro …«, 1991).

Die Symmetrie der Personenkonstellationen lässt sich auch mathematisch ausdrücken. Ausgehend von einer Grundmenge (sechs Personen) lassen sich alle Wesensmerkmale und Handlungsarten in zahlreiche Teilmengen, die also alle in der Grundmenge enthalten sind, darstellen. Es gibt kein Element, das ausserhalb dieses Kreises liegen würde und stören könnte. So sind folgende Kriterien denkbar:

Grundmenge:

sechs Personen

Teilmengen:

zwei Geschlechter:
Mann – Frau
(Don Alfonso, Guglielmo, Ferrando) – (Despina, Dorabella, Fiordiligi)

Liebespaare:
zwei – zwei – zwei
(Dorabella + Fernando; Guglielmo + Fiordiligi) – (Dorabella + Guglielmo; Fiordiligi und Ferrando) – (Dorabella + Fernando; Guglielmo + Fiordiligi), resp. (Dorabella + Guglielmo; Fiordiligi und Ferrando)

Beziehung zur Liebe:
aktiv Liebende – passiv Liebende
(Dorabella, Fiordiligi, Guglielmo, Ferrando) – (Despina, Don Alfonso)

Alter:
Jugend – Alter

Soziale Stellung:
zwei Klassen
(Fiordiligi, Dorabella, Ferrando, Guglielmo) – (Don Alfonso, Despina)

Beziehung zur Prüfung:
wissend – unwissend
(Don Alfonso, Guglielmo, Ferrando) – (Despina, Dorabella, Fiordiligi)

Beziehung zur Prüfung
Betrüger – Betrogene
(Don Alfonso, Guglielmo, Ferrando) – (Despina, Dorabella, Fiordiligi)

Aktivität:
Subjekt – Objekt
(Don Alfonso, Guglielmo, Ferrando) – (Despina, Dorabella, Fiordiligi)

Così fan tutte kann man somit als einen Ausschnitt aus der Realität, als einen dichten Mikrokosmos sehen.

Dieser Text wird fortgeführt auf der Seite “Così fan tutte – 3“ und ist allein für sich genommen nicht aussagekräftig.