Teil 4

Così fan tutte – das Werk

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Così fan tutte – das Werk

Im folgenden werden nur Auszüge aus dem Libretto wiedergegeben und kommentiert. Ein vollständiges Bild, alle Personen erfassend, ergibt sich dadurch nicht.

Ouverture

Aus meiner Sicht kann man die Musik der Ouverture durchaus als zum Stück gehörend betrachten. Mit ihr beginnt schon die Handlung und sie weist auf die spätere hin. Die Musik der Ouverture könnte einerseits die Atmosphäre im Kaffeehaus beschreiben, in der heftig debattiert wird, und wogegen Don Alfonso bereits ankämpft. So gesehen, wenn die Aktion wirklich startet, wären von den Besuchern des Kaffeehauses allein Ferrando, Guglielmo und Don Alfonso übriggeblieben. Eine andere mögliche Interpretation für mich wäre, dass die sich repetierenden und steigernden Melodiefolgen das Lachen der Besucher vorwegnehmen, da später eigentlich nur noch wenig Anlass dazu geboten wird. Mozart hätte damit eine zu erwartende – im Grunde genommen aber falsche – Reaktion des Publikums schon vorweggenommen.

Erster Akt

Die in der Ouverture vorbereitete Handlung wird nun in der ersten Szene konkret. Das Spiel beginnt nicht, es ist schon präsent. Interessant ist, dass Don Alfonso sich eigentlich dagegen sträubt, diese Diskussion weiterführen zu wollen („ma tali litigi finiscano qua“, „tai prove lasciamo“). Aber es ist die Überheblichkeit, der blinde Eifer, schliesslich Gewalt, von Guglielmo und Ferrando, die ihn dazu zwingen, die spätere Tragödie ins Rollen zu bringen. Don Alfonsos Sicht, die zuweilen als frauenverachtend empfunden werden kann, könnte also nur die extreme Gegenposition zu Guglielmo und Ferrando sein, die er gezwungen ist, einzunehmen, da nur so die Opposition und die Bereitschaft zum „Kampf“ der beiden Soldaten provoziert werden kann.

Ein weiterer Aspekt bezüglich den Charakteren von Ferrando und Guglieomo, welcher die Geschichte erst ermöglicht, ist der, dass sie mit den Schwestern nicht einfach verlobt sind. Bei den zwei Paaren handelt es sich eigentlich um Verliebte. Dies erklärt, weshalb Ferrando und Guglielmo so entschieden für ihre Geliebten eintreten und weshalb die Schwestern wiederum so intensiv auf die Trennung reagieren. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint dann auch Don Alfonso unter einem anderen – unsympathischeren – Licht, da er den Kampf mit einem ungleichen, inferioren Gegner aufnimmt. Für Verliebte macht Treue keinen Sinn, da die Verbindung an und für sich schon stärker als alles andere ist. Sie sind blind, weshalb Don Alfonso leichtes Spiel haben wird.

Erster Akt, Szene I; Nr. 1, Terzett:



Don Alfonso
Hoi i crini già grigi,
Ex cathedra parlo,
Ma tali litigi
Finiscano qua.



Don Alfono
Tai prove lasciamo.



Don Alfonso
O pazzo desire,
Cercar di scoprire
Quel mal che, trovato,
Meschini ci fa.



Wenn die Szene zu Fiordiligi und Dorabella wechselt, finden wir eine musikalische Idylle. Interessant ist, dass der Text bereits hier den unterschiedlichen Zugang der Schwestern zu Eros aufzeigt. Fiordiligi ist die Zurückhaltendere (“Se aspetto più nobile si può ritrovar; … un sembiante guerriero ed amante”), Dorabella die Gefühlsbetontere (“Osserva, che foco ha ne’ sguardi …; Si vede una faccia che alletta e minaccia.”):

Erster Akt, Szene II, Nr. 4 Duett:

Fiordiligi
Ah, guarda, sorella,
Se bocca più bella,
Se aspetto più nobile
Si può ritrovar.

Dorabella
Osserva tu un poco,
Osserva, che foco
Ha ne’ sguardi,
Se fiamma, se dardi
Non sembran scoccar

Fiordiligi
Si vede un sembiante
Guerriero ed amante.

Dorabella
Si vede una faccia
Che alletta e minaccia.

Fiordiligi und Dorabella
Io sono felice!
Se questo mio core
Mai cangia desio,
Amore mi faccia
Vivendo penar.

Diese Charakterisierung wird im darauffolgenden Rezitativ weitergeführt: Fiordiligi spricht davon, Guglielmo einen “Streich” zu spielen, Dorabella spricht von einer nahen Hochzeit, was natürlich eine erotische Komponente beinhaltet:

Erster Akt, Szene II, Rezitativ:

Fiordiligi
Mi par, che stamattina volentieri
Farei la pazzerella: ho un certo foco,
Un certo pizzicor entro le vene.
Quando Guglielmo viene, se sapessi
Che burla gli vo’ far!

Dorabella
Per dirti il vero,
Qualche cosa di nuovo
Anch’io nell’alma provo: io giurerei,
Che lontane non siam dagli Imenei.

Fiordiligi
Dammi la mano: io voglio astrologarti.
Uh, che bell’Emme! E questo è un Pi: va bene:
Matrimonio presto.

Dorabella
Affè che ci avrei rabbia.

Dorabella
Ma che diavol vuol dir che i nostri sposi
Ritardano a venir?
Son già le sei.

Dieses scheinbar nebensächliche Rezitativ ist von zentraler Bedeutung, weist es doch auf den Kern der Oper hin. Fiordiligi spürt den Wunsch nach Liebe, Dorabella den nach Heirat, also von – körperlicher – Vereinigung. Und Fiordiligi macht gewissermassen eine Prophezeiung, wenn sie Dorabella eine baldige Heirat voraussagt. Diese Bezüge zu Liebe und Eros stehen für nichts anderes als die Liebes- und Beziehungsfähigkeit der beiden jungen Frauen, die in der Folge nur von zwei neuen Beziehungen abgelöst (ersetzt oder ergänzt?) werden. Guglielmo und Ferrando dagegen, wären sie schon jetzt zu richtiger Liebe fähig, das heisst, wäre diese von wirklichem Vertrauen getragen, käme es nie in den Sinn, von Don Alfonso einen Beweis zu fordern und sich darauf einzulassen, die Treue ihrer Verlobten zu prüfen. Die Tragödie kann ja ihren Verlauf nur nehmen, da sie mit ihrer Überheblichkeit (Despina spricht in ihrer ersten Arie Nr. 12 auch, dass die Männer in den Frauen nur ihr Vergnügen lieben würden: „In noi non amano che il lor diletto;“) Don Alfonso provozieren und nachher sogar mit Gewalt (sie greifen zum Degen) dazu zwingen, die Prüfung zu erfinden. Don Alfonso wehrt sich sogar am Anfang dagegen, aber er findet ein Mittel, dass seine Sicht bestätigen wird. Eine logische Konsequenz daraus ist dann auch Dorabellas Frage „Ma che diavol vuol dir che i nostri sposi ritardano a venir?“. Dorabella nennt ihn beim Namen: es ist der Teufel, sprich Don Alfonso mit seiner teuflischen Idee einer Wette, welche die beiden Liebhaber sich verspäten lässt.

Wenn Don Alfonso zu Fiordiligi und Dorabella tritt, und die beiden Schwestern aufs Extremste in Angst versetzt, dürfen ihre Reaktionen nicht missverstanden werden: zu meinen, diese seien übertrieben. Es ist nämlich so, dass nur Don Alfonso und das Publikum wissen, dass dies nicht stimmt. Fiordiligi und Dorabella aber werden in den Glauben versetzt, ihre Verlobten müssten in den Krieg ziehen. Das heisst, Ferrando und Guglielmo würden mit dem Tod konfrontiert werden: dies kann niemand gleichgültig hinnehmen, mit anderen Worten sind Fiordiligis und Dorabellas Reaktionen echt.

Interessant sind die feinen Unterschiede in den Reaktionen Fiordiligis und Dorabellas auf Don Alfonsos Hinweis auf ein „Unglück“:

Erster Akt, Szene III, Rezitativ:

Fiordiligi
Eccoli!

Dorabella
Non son essi: è Don Alfonso,
L’amico lor.

Fiordiligi
Ben venga
Il signor Don Alfonso!

Don Alfonso
Riverisco

Dorabella
Cos’è? Perchè qui solo? Voi piangete?
Parlate, per pietà: che cosa è nato?
L’amante …

Fiordiligi
L’idol mio …

Don Alfonso
Barbaro fato!

Es ist zwar jeweils Fiordiligi, die sich als erste äussert, aber Dorabellas Reaktionen sind immer stärker gezeichnet, gehen immer eine Spur weiter, und wenn sie von Fiordiligi wieder aufgenommen werden, dann in abgeschwächter Form. Dorabella spricht sofort von einem Unglück, fragt ob ihr Geliebter tot sei, dann, ob er verwundet sei. Fiordiligi will wissen, ob es zu einer räumlichen Trennung kommen wird, Dorabella, ob sich dies verhindern lasse. Fiordiligi fragt, ob ein letztes Treffen noch möglich sei, Dorabella konkret, wo sie seien. Dieses Prinzip wird während der ganzen dritten Szene beibehalten.

Erster Akt, Szene III; Nr. 5, Arie:

Don Alfonso

Oh, che gran fatalità!
Dar di peggio non si può.
Ho di voi, di lor pietà.

Die Vehemenz, mit der Dorabella und Fiordiligi von nun an sich äussern und reagieren werden, wird schon hier von Don Alfonso begründet. Ein schlimmeres Unglück könne es nicht geben, die beiden Schwestern verhalten sich also absolut konform zur Situation.

Erster Akt, Szene III, Rezitativ:

Fiordiligi
Stelle! Per carità, signor Alfonso,
Non ci fate morir.

Don Alfonso
Convien armarvi,
Figlie mie, di costanza.

Dorabella
Oh Dei! Qual male
È addivenuto mai, qual caso rio?
Forse è morto il mio bene?

Fiordiligi
È morto il mio?

Don Alfonso
Morti non son, ma poco men che morti.

Dorabella
Feriti?

Don Alfonso
No.

Fiordiligi
Ammalati?

Don Alfonso
Neppur.

Fiordiligi
Che cosa, dunque?

Don Alfonso
Al marzial campo
Ordin regio li chiama.

Fiordiligi und Dorabella
Ohimè, che sento!

Fiordiligi
E partiran?

Don Alfonso
Sul fatto.

Dorabella
E non v’è modo d’imedirlo?

Don Aldonso
Non v’è.

Fiordiligi
Né un solo addio?

Don Alfonso
Gl’infelici non hanno
Coraggio di vedervi;
Ma se voi lo bramate,
Son pronti.

Dorabella
Dove son?

Don Alfonso
Amici, entrate.

Dorabellas Gefühlsintensität ist somit schon zu Beginn deutlich sichtbar, kommt unmittelbarer zum Vorschein. Damit wird aber auch schon der Gefühlsausbruch der neunten Szene angekündigt.

Erster Akt, Szene IV; Rezitativ:



Fiordiligi, Dorabella
Or che abbiam la nuova intesa,
A voi resta a fare il meno;
Fate core, a entrambe in seno’
Immergeteci l’acciar.

Ferrando, Guglielmo
Idol mio, la sorte incolpa
Se ti deggio abbandonar.

Dorabella
(a Ferrando)
Ah, no, no, non partirai!

Fiordiligi
(a Guglielmo)
No, crudel, non te n’andrai!

Dorabella
Voglio pria cavarmi il core!

Fiordiligi
Pria ti vo’ morire ai piedi!

Ferrando
(piano a Don Alfonso)
Cosa dici?

Guglielmo
(c.s.)
Te n’avvedi?

Don Alfonso
(piano)
Saldo, amico;
Finem lauda!

Tutti
Il destin così defrauda
Le speranze de’ mortali.
Ah, chi mai, fra tanti mali,
Chi mai può la vita amar?

Das Ende des Quintetts erklärt die realistische Basis der Geschichte. Die vier Personen definieren ihre eigene Identität über die Liebe zu ihrem Partner. Diese Abhängigkeit, und die beiden Frauen erleben diese echt, hat zur Folge, dass die Trennung vom Partner einem Verlust der Existenz – Tod – gleichkommt. Dass Fiordiligi und Dorabella sich den Tod wünschen ist innerhalb dieser speziellen Charakterisierung nur folgerichtig und rational. Der Fortgang der Geschichte weist auch den Aspekt auf, dass sie sich von dieser Abhängigkeit lösen. Ob sie sich mit den neuen Partnern die Abhängigkeit aber nur durch eine neue ersetzen ist weniger wahrscheinlich, da sie damit schon das eigentliche sie bestimmende Prinzip überwunden haben.

An dieser Stelle hätten Ferrando und Guglielmo die Gelegenheit, die Wette abzubrechen. Sie fühlen sich auch bestätigt, geben aber Don Alfonso nach. Die Reaktion von ihren Verlobten, die sie erwarteten, tritt ein. Implizit geben aber auch sie sich damit nicht zufrieden und erhalten damit die Möglichkeit, dass genau das geschehen kann, was sie eben nicht wollen, am Leben.

Dieser Text wird fortgeführt auf der Seite “Così fan tutte – 5“ und ist allein für sich genommen nicht aussagekräftig.