Kommentar anlässlich der Premiere vom 22. April 2007 am Opernhaus Zürich
Erschienen im Magazin des Opernhauses Zürich (Nr. 10 der Spielzeit 2006/07)
Kein Wunder, dass Rossini einen wichtigen Stellenwert im Repertoire von Vesselina Kasarova einnimmt: hat er doch einige der interessantesten Partien für junge Mezzosoprane komponiert. Mit Rollen wie Rosina, Angelina (La Cenerentola), Isabella und Tancredi gastiert sie dann auch weltweit auf den grossen Bühnen. Und die Neuinszenierung von Cesare Lieve wird bereits die sechste Produktion sein, in der die ausgewiesene Mozart- und Belcanto-Spezialistin die Rolle der Isabella interpretiert. Dabei sei sie aber dreimal in der legendären Inszenierung von Jean-Pierre Ponnelle aufgetreten, in Wien, Florenz und Mailand, so die Sängerin. Dennoch sei nie Routine aufgekommen, ist doch die eigene Interpretation gerade bei der «Opera buffa» vom Zusammenspiel mit den anderen Sängern abhängig. Und hinzu kommt, dass es ja gerade als eine der Spezialitäten von Vesselina Kasarova gilt, ihre Rollen immer neu auszuloten und neue Facetten an ihnen zu entdecken. Die Isabella sei eine schauspielerisch wie auch musikalisch enorm anspruchsvolle Rolle, komplexer als beispielsweise die Rosina oder Angelina. Ihr sei wichtig, dass diese Vielschichtigkeit zur Geltung komme. Natürlich ist die Isabella eine emanzipierte, selbstbewusste und starke Frau, eine erste «Lara Croft» gewissermassen. Und dass Cesare Lievi sie als «Star» zeichnet, der die Männer nur so um die Finger wickelt, unterstützt diese Seite des Charakters und erleichtert deren darstellerische Umsetzung. Aber die Isabella sei nicht wirklich «Diva»: ihre Souveränität diene nicht dem Selbstzweck, sondern werde zu Gunsten der anderen eingesetzt. In ihrem Kern sei sie vielmehr eine gefühlvolle, lebensbejahende, intelligente junge Frau. Dies zeige sich immer wieder in den innigen, erotischen Momenten ihrer Musik, insbesondere in ihrer wundervollen Kavatine «Per lui che adoro» im zweiten Akt. Aus musikalischer Sicht verlange die Rolle einen grösseren Stimmumfang als beispielsweise Rosina und Angelina, und wie immer bei Rossini biete sich der Sängerin die Möglichkeit zur Demonstration ihrer Koloratur-Virtuosität und Nuancierungskunst. Auch gelte es die «Opera buffa» prinzipiell nicht zu unterschätzen: das «komische Fach» sei interessanterweise schwieriger als das «ernste». Die Kunst bestehe darin, alles leicht und natürlich wirken zu lassen und eine Balance zwischen darstellerischer und musikalischer Komik zu wahren.
© Magazin Opernhaus Zürich / Nr. 10 Saison 2006/07 / Stefan Rissi